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GENIAL! CINEMA 2/94         home

 


selten Spass macht. So unternahmen sie ein Experiment, das Erstaunliches zu Tage förderte: Wenn die Öffentlichkeit wirklich wüßte, was hinter den verschlossenen Türen der Filmförderung vor sich geht, müßte der ganze Laden auf der Stelle dichtgemacht werden. 
   Ein Humortest und seine Folgen: die drei Hannoveraner schrieben ein für deutsche Verhältnisse ungemein witziges Drehbuch, das sie bei den ganz, ganz ernsten deutschen Förderungsanstalten einreichten. Ihr sechsseitiger Entwurf für den Kurzfilm "Genial!" erzählt von einem filmkünstlerischen Scharlatan, der mit einem völlig flachsinnigen Drehbuch eine unkompetente Filmkommission übertölpelt und der Förderung für würdig befunden wird. Auf diese höhere Segnung spekulierten selbstverständlich auch die drei Jungautoren. Wie würden die gestrengen Gralshüter der Filmkunst wohl auf die lästerhafte Herabsetzung der eigenen Zunft reagieren? Wittern sie den Braten? Oder kapieren sie womöglich den Witz?
   Erste Reaktionen auf das ketzerische Pamphlet waren denn auch von eher mißtrauischer Natur. "Was woll ihr uns den da für ein Ei ins Nest legen?" grummelte ein Sachbearbeiter der niedersächsischen Filmförde-

rung und lehnte ab. Einer seiner bayrischen Kollegen zog sich mit der Frage nach der weiss-blauen Stammeszugehörigkeit aus der Affäre: "Seid´s ihr aus Bayern? Sonst gibt´s eh nix." Die Filmstiftung Nordrhein-Westfahlen ließ wissen, daß die Geschichte von "Genial!" nicht neu sei und zu sehr an den thematisch verwandten Spielfilm "z.B. Otto Spalt" erinnere - der in Deutschland mindestens ebenso bekannt ist wie "Hans, der Igel". Den Vogel abgeschossen hat jedoch das Film & Medienbüro Niedersachsen. In der amtlichen Ablehnungsbegründung werden deutliche Worte tapfer für die Nachwelt festgehalten: "Der Beirat kam ... zu dem Ergebnis, daß das vorgelegte Buch die Komplexität der darzustellenden Realität nicht übertrifft. Es ist deshalb angezeigt, die in dem Buch dargestellte Realität nicht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, damit die künftige Finanzierung der Filmförderung nicht in ernsthafte Gefahr gerät." Batsch, das saß. Traurigkeit zog ein in den Köpfen der hoffnungvollen Nachwuchsautoren. Ihr "Genial!" ist gar keine Satire. Die Wirklichkeit ist viel schlimmer. Niedergeschlagen versteckten sie ihr Werk in der Schublade, damit wenigstens nicht die Filmförderung in Gefahr gerät. Sonst hört am Ende der Spass noch auf.
                    Heiko Rosner

DEUSCHLANDS KOMISCHSTER ABLEHNUNGSBESCHEID

Keine Knete, kein Film

Der Förderung nicht für würdig befunden: Das
 Drehbuch "Genial!" zerstört den Glauben an die
Filmförderung - wie war das mit dem Fisch?

Tieftraurig: M.A.C.Guffin & Co

Mit tiefer Traurigkeit reagierten die Jungautoren auf das Eintref-
fen des ersten Ablehnungsbescheids. Ihr Werk ist zu gefährlich,
 um der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden 



FILMEMACHER: Äh, ...natürlich nicht! Äh,... (sucht den rettenden Strohhalm)... schon Jean-Luc Godard... 

JUMPCUTSEQUENZ: der Filmemacher, der eben noch vor der Kommission stand, geht grübelnd hinter seinem Stuhl hin und her (die kontinuierliche Bewegung wird ebenfalls durch JUMPCUTs gebrochen); der Filmemacher sitzt auf seinem Stuhl und starrt sinnierend an die Decke; er steht an der Tür und kratzt sich am Kopf; er kniet zwischen seinen Papieren auf dem Boden und durchwühlt seine Notizen; er sitzt wieder auf seinem Stuhl, lehnt sich cool zurück und hat sich offensichtlich wieder gefangen.

FILMEMACHER: ... hat gesagt: die Form schafft den Inhalt - oder war's Rivette? Naja, ist ja auch egal. ICH jedenfalls in meiner Arbeit als Filmemacher habe mich geradezu spezialisiert auf den innovativen Umgang mit dem Material. Insbesondere die von mir entwickelte Technik der BASISCHEN ENTFREMDUNG, die dem ... 

(Wir sehen dabei den leicht angetrunkenen Filmemacher in seiner schmuddeligen Küche beim Sichten von Filmmaterial auf einem antiquierten 16mm-Filmbetrachter. Er gießt sich ungeschickt ein Glas Rotwein ein. Beim Abstellen der Flasche kippt er das Glas versehentlich über eine offenstehende Filmdose.  Das Filmbild fängt an auszusehen, als sei es einer Rotweinbehandlung ausgesetzt worden. Die Kommission - ebenfalls fleckig rot - beginnt interessiert zuzuhören.) 

FILMEMACHER: ... Inhalt die eigentliche spirituelle Dimension verleiht, fordert den Zuschauer heraus, das Gesehene kritisch zu hinterfragen. Durch Verstörung wird die passive Konsumentenhaltung aufgebrochen und der von mir anvisierte Sehschock erzielt.  Auch meine AKRIBISCHE PARTIKULATION bewirkt durch optische...  

"Ontogenese, Phylogenese,
Biogenese... alles in
einem Bild!"

(Der Filmemacher doziert mit erhobenem Zeigefinger.  Wieder in seiner Küche schrubbt er mit einer alten Wurzelbürste auf verdrilltem Filmmaterial herum und würzt das Arrangement mit dem Inhalt seines Aschenbechers.  Das bis hierhin rot verschmierte Filmbild wirkt ab jetzt, als sei es mit einer alten Wurzelbürste malträtiert worden. Ebenfalls zerkratzt: die Kommission lauscht ergriffen. Bei den schrillen Kratzgeräuschen stehen ihnen kurz die Haare zu Berge.)

FILMEMACHER: ...Fragmentierung der Emulsion die Transparenz des Mediums und katapultiert das Publikum mental in eine Metaebene seiner eigenen Wahrnehmung.  Als Höhepunkt meines künstlerischen Schaffens verstehe ich die Dekonturierung ... 

(Wie durch einen Zerrspiegel betrachtet, verschwimmt das Bild. Der Filmemacher steht wieder in seiner Küche und sieht gespannt auf einen Topf mit brodelndem Wasser. Er nimmt eine große Bratengabel und sieht nach, ob der Film schon gar ist. Der verschwommene Vorsitzende




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